Auswirkungen des LSVT auf die Intonation von Parkinsonsprechern

eine Studie von Heike Penner, Oktober 2002, Kassel

Einleitung:

In der allgemeinen Sprachforschung hat sich bei der Intonationsforschung die ToBI (Tone and Brake Indices) Methode weit verbreitet. Es handelt sich um eine phonologische Klassifikation von Intonationsmustern, die anhand konkreter Spektrogramme durchgeführt wird und somit Phonologie und Phonetik miteinander verbindet. Dabei werden Äußerungen in Phrasen unterteilt; Grundfrequenzverläufe zu phonologischen Einheiten zusammengefasst (z.B. peaks, valleys, linking processes) und die zeitliche Einbindung betonter Silben festgehalten.

In der Dysarthrieforschung werden diese differenzierten Betrachtungen bisher noch nicht eingesetzt. Umfang und Variabilität der Grundfrequenz sind zumeist die einzigen Maße, mit denen die Intonation von Dysarthrikern beurteilt wird. Daher hat sich diese Studie mit der Intonation von Parkinsonsprechern vor dem Hintergrund der ToBI-Methode befasst. Der hier berichtete Aspekt beschränkt sich darauf, ob mit dem Lee Silverman Stimmtraining (LSVT) Veränderungen der Intonation bei Parkinsonsprechern erreicht werden können.

Folgende Fragen sollten mit diesem Teil der Studie beantwortet werden:

  1. Werden die Intonationsmuster durch das LSVT beeinflusst?
  2. Wird die zeitliche Einbindung der Intonationsmuster durch das LSVT beeinflusst?
  3. Wird der Frequenzanstieg innerhalb der Intonationsmuster durch das LSVT beeinflusst?

Methodik:

Die Studie wurde im „Single Case Stduy Design“ durchgeführt. Dabei erhielten die Patienten erst 4 Wochen lang intensive Therapie zur Wortfindung, die in Intensität (4 mal wöchentlich plus selbstständiges Üben) und Aufbau (Wortebene => Satzebene => Textebene => freies Sprechen) dem LSVT angepasst war. Anschließend wurde 4 Wochen lang das LSVT durchgeführt. Vor Therapiebeginn, nach jeder Woche Therapie und nach einem halben Jahr therapiefreier Zeit wurde jeweils eine Untersuchung durchgeführt, so dass die Patienten insgesamt 10 Mal untersucht wurden. Allerdings wurden nur in der ersten, fünften, neunten und zehnten Untersuchung auch eine phoniatrische Diagnostik durchgeführt. Also vor Therapiebeginn, vor dem LSVT-Beginn, nach Abschluss des LSVT und nach der therapiefreien Zeit. Vor und nach der Therapie wurden die Teilnehmer außerdem gebeten, unterschiedliche Aspekte Ihrer Sprechstörung auf einer Skala von 1 bis 10 zu beurteilen und von dem wichtigsten Kommunikationspartner beurteilen zu lassen. Diese Aspekte bezogen sich auf Stimmklang, Lautstärke, Verständlichkeit, Sprechtempo, Stottersymptome und Kommunikationsprobleme.

In der phoniatrischen Untersuchung wurden folgende Kriterien beurteilt: Symmetrie der Stimmbänder, Stimmbandschluss, Symmetrie der Stimmbandschwingungen, Schwingungsamplitude, supraglottische Einengungen und organische Veränderungen. In der logopädischen Untersuchung sollten die Teilnehmer eine Situation beschreiben (zur Beurteilung der Normalität) und Zahlen-, Wort- und Satzlisten vorlesen (zur Verständlichkeitsbewertung). Des weiteren wurde ein Test zur Wortfindung durchgeführt, Maximalwerte (Lautstärke, Grundfrequenz, Tonhaltedauer) gemessen und 18 Sätze (6 Aussagen, 6 Fragen, 6 verärgerte Äußerungen) für akustische Messungen auf Tonband aufgenommen. Die akustischen Auswertungen beinhalteten Gebrauch von Intonationsmustern, zeitliche Einbindung betonter Silben, den Frequenzanstieg innerhalb der Intonationsmuster und das Sprechtempo.

Die Angaben zu den drei Teilnehmern befinden sich in Tabelle 1:

Tabelle 1

PT01

PT02

PT03

Geschlecht
Alter 61 66 56
Dauer der Erkrankung 5 Jahre unklar, Tremor 1965, Diagn. 1996 10 Jahre
Hoehn & Yahr Skala III III III
Webster Skala 11 12 14
Beruf Arzt Organistin Gebietsmanager
Dysarthrische Symptome Lenisierte Artikulation, erhöhtes Sprechtempo, reduzierte Lautstärke Rauhe Stimme, reduzierter Stimmumfang beim Singen, reduzierte Lautstärke Rauhe Stimme, lenisierte Artikulation, erhöhtes Sprechtempo, reduzierte Lautstärke
Phoniatrischer Befund Erweiterte Schwingungsamplitude, verstärkte Randkantenverschiebung Eingeschränkte Abduktion der Stimmbänder, leichte Taschenfaltenaktivität beidseits, unvollst. Stimmbandschluss Vorderer Spalt, rechts sehr hoch stehender Aryknorpel, rechtes Stimmband überdeckt linkes Stimmband

Ergebnisse:

a) Maximalwerte

Insgesamt konnten nur wenige eindeutige Veränderungen gemessen werden. Bei den Maximalwerten zeigte lediglich die weibliche Teilnehmerin (PT02) eine Verbesserung von unter 80dB auf über 80dB. Ansonsten gab es hier keine systematischen Verbesserungen.

b) Gebrauch von Intonationsmustern

Bei den Intonationsmustern in Aussagen konnten vor dem LSVT in 5 bis 15 % der Äußerungen keine Intonationsmuster auf dem Fokuswort gemessen werden. Diese Auffälligkeit war nach der ersten Woche LSVT nicht mehr vorhanden. Bei den ärgerlichen Äußerungen wurde mit dem Beginn des LSVT der Anteil der Linking Prozesse geringer und der Anteil der Peaks erhöhte sich. Fragen wurden mit Beginn des LSVT seltener mit hoher Stimme beendet.

c) Zeitliche Einbindung der betonten Silben

Bei der zeitlichen Einbindung waren keine systematischen Veränderungen zu beobachten.

d) Frequenzanstiege innerhalb der Intonationsmuster

Nur für die Aussagen zeigte sich eine systematische Erhöhung des relativen Frequenzanstiegs.

e) Sprechtempo

Das Sprechtempo wurde bei allen Teilnehmern durch das LSVT reduziert. Besonders deutlich war diese Reduktion bei PT03, der von allen Teilnehmern das höchste Sprechtempo aufwies.

f) Selbst- und Fremdeinschätzung der Auswirkung der Therapie

Bei der Selbst- und Fremdeinschätzung zeigten sich bei PT03 sehr konstante und eindeutige Verbesserungen, bei den anderen beiden Teilnehmern waren die Angaben nicht so eindeutig.

Diskussion und Schlussfolgerungen:

Bei der Beurteilung der Ergebnisse ist zu bedenken, dass die Studie mit nur drei Teilnehmern durchgeführt wurde. Dies ist eine sehr kleine Anzahl. Daher ist die Studie nur sehr bedingt aussagekräftig. Bei den Maximalwerten waren nicht so deutliche Verbesserungen zu beobachten wie in Studien von O. Ramig und Kollegen. Allerdings waren manche Ausgangswerte bei den Teilnehmern bereits bei der ersten Untersuchung im Normbereich, so dass hier nicht so große Veränderungen zu erwarten waren. Ähnlich verhält es sich bei der Verteilung und zeitlichen Einbindung der Intonationsmuster. Nur die Verteilung hat sich leicht verändert. Die Teilnehmer dieser Studie wiesen – im Gegensatz zu einer anderen Parkinsongruppe mit neun Teilnehmern – eine Verteilung und zeitliche Einbindung von Intonationsmustern auf, die der Kontrollgruppe von gesunden Sprechern gut entspricht. Daher waren keine wesentlichen Verschiebungen zu erwarten.

Obwohl die relativen Frequenzanstiege für alle Satztypen signifikant geringer waren als in der Kontrollgruppe, zeigte sich nur bei den Aussagen eine offensichtliche Verbesserungstendenz. Hier hatte das LSVT keinen wesentlichen Einfluss. Die besten Ergebnisse wurden für das Sprechtempo erzielt. Dies entspricht Beobachtungen aus einer Studie von Netsell et a. (1975), wo Sprecher durch mehr Lautstärke deutlich langsamer sprachen. Bei PT03, dessen Sprechtempo am Besten beeinflusst wurde, waren auch in der Selbst- und Fremdeinschätzung die deutlichsten Verbesserungen zu verzeichnen. Bei den beiden anderen Teilnehmern führte meiner Ansicht nach eine verbesserte Einschätzung der Probleme zu höheren Angaben von Symptomen, denn eine Verschlechterung in den Messwerten war bei keinem der Teilnehmer zu beobachten.

Weiterhin gab es bei jedem der Teilnehmer besondere Probleme. Bei PT01 stellte sich schnell die Frage, ob nicht doch eine Demenz vorliegt, denn es konnten sehr starke Ausfälle in räumlich-konstruktiven Fähigkeiten beobachtet werden. PT02 zeigte von Beginn an Hinweise für hyperfunktionelle Kompensationsmechanismen und hatte dann in der dritten Woche eine schwere Erkältung mit deutlichen, langwierigen Auswirkungen auf die Stimmqualität. Der phoniatrische Befund wechselte von einer zur anderen Untersuchung recht unerwartet. Mal lag ein kompletter Spalt vor, mal ein offenes Dreieck und mal eine Sanduhrglottis. Die Diagnose einer ideopathischen Parkinsonerkrankung ist besonders bei PT03 nicht ganz eindeutig, da der Patient auch einen Hypophysentumor hatte. Die Fehlstellung der Aryknorpel durch eine extrem seitenverschiedene Symptomatik konnte durch das LSVT nicht behoben werden.

Mit der Studie konnten vor allem Auswirkungen des LSVT auf das Sprechtempo und leichte Veränderungen der Intonation gezeigt werden. Um deutlichere Ergebnisse zu erzielen, sollte eine Studie mit mehr Teilnehmern durchgeführt werden, in der Hoffnung, dass dann auch Patienten teilnehmen, bei denen keine weiteren Komplikationen auftreten.

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