Logopädische Übungen in den Selbsthilfegruppen der dPV

(von Heike Penner)

Logopädische Therapie wird nicht nur in Einzelsitzungen durchgeführt, sondern kann auch in der Gruppe stattfinden, denn es konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass logopädische Gruppentherapie bei M. Parkinson durchaus effektiv ist (Robertson und Thomson, 1984; Sullivan et al., 1996; De Angelis et al., 1997). Gruppentherapie findet einerseits in größeren Gruppen an Kliniken statt und andererseits in Kleingruppen mit 2 bis 3 Teilnehmern in logopädischen Praxen. Des weiteren können Übungsideen direkt in den Selbsthilfegruppen vorgestellt werden.

Mein Kontakt zu den Selbsthilfegruppen der dPV entstand vor 13 Jahren über eine Einladung, einen Vortrag zum Thema „Logopädie bei M. Parkinson“ bei einem Regionalgruppenleitertreffen in Stuttgart zu halten. Seither habe ich viele Regionalgruppen im süddeutschen Raum kennengelernt und des öfteren bei mehrtägigen Seminaren logopädische Tage gestaltet, wo der Kontakt zu den Teilnehmern immer besonders intensiv ist. Bei all diesen Treffen handelt es sich nicht um eine ärztlich verordnete Therapie, die rezeptpflichtig ist, sondern um Informationsveranstaltungen mit Anregungen zu Übungen, die die Teilnehmer sowohl in der Gruppe als auch selbstständig zu hause durchführen können.

Die Gestaltung der logopädischen Seminare orientiert sich an drei Aspekten: die Teilnehmer möchten ihr Wissen über die Hintergründe der Probleme beim Sprechen und die Therapiemöglichkeiten erweitern, sie möchten Übungen durchführen und „mitnehmen“ und, ganz wesentlich, sie genießen die soziale Gemeinschaft. Die Aufgabe des Therapeuten ist es daher, diese Bedürfnisse zu berücksichtigen und danach den Inhalt und die Struktur auszurichten. Des weiteren ist es wichtig, die Probleme des Einzelnen zu erkennen und diese angemessen anzusprechen. Im Bezug auf die Kommunikation kann der Therapeut auch die Rückmeldung durch die Gruppe an Einzelne lenken und fördern. Gerade für die letzten beiden Punkte ist es notwendig, ein gutes Verhältnis zu den Gruppenteilnehmern herzustellen, wie es vor allem bei mehrtägigen oder fortlaufenden Veranstaltungen möglich ist. So war ich bei der Stuttgarter Selbsthilfegruppe ein Jahr lang einmal im Monat zu einer einstündigen Veranstaltung eingeladen. Dies gab mir die Möglichkeit, in der ersten und letzten Stunde bei den von M. Parkinson betroffenen Teilnehmern, eine stark vereinfachte kurze Diagnostik durchzuführen und mir einige Werte zu notieren, z.B. die maximale Lautstärke des Rufens, die maximale Dauer eines angehaltenen Tons und die maximal erreichte Tonhöhe. Außerdem konnte ich den Teilnehmern aufeinander aufbauende Übungen für zu Hause mitgeben, so dass die Übungen zunächst eher einfach waren, z.B. auf Wortebene, und dann immer komplexer wurden, bis hin zur Einbeziehung des freien Sprechens.

Insbesondere bei den kürzeren Informationsveranstaltungen können die Übungen jedoch nicht gezielt auf jeden einzelnen Teilnehmer ausgerichtet werden. Um dennoch möglichst allen Teilnehmern gerecht zu werden, biete ich meist eine Vielfalt von Übungen an und beziehe alle Bereiche des Sprechens (Mimik, Atmung, Stimme, Artikulation und Sprechmelodie) mit ein. Dabei wechseln die Übungen zwischen solchen, bei denen alle Teilnehmer gleichzeitig mitmachen, Partnerübungen und Einzelübungen. Von den unterschiedlichen Übungen kann sich dann jeder die heraussuchen, die ihm besonders gut getan haben. Wenn die Gruppen nicht so groß sind, empfehle ich einzelnen Teilnehmern zusätzlich gezielt Übungen. Manchmal beschränke ich mich aber auch ganz auf die Stimmkräftigung, wie sie im letzten Heft von Frau Benecke beschrieben wurde, denn in der Gruppe ist es oft weniger peinlich die volle Lautstärke einzusetzen. Zusätzlich ist es natürlich wichtig, viel Raum für individuelle Fragen zur Verfügung zu stellen.

Logopädische Übungen können für Personen, denen die Materie fremd ist, durchaus befremdlich erscheinen. Deshalb erkläre ich den Zweck der einzelnen Übungen ausführlich. Da es sehr unangenehm sein kann, bei Übungen beobachtet zu werden, müssen die begleitenden Angehörigen grundsätzlich aktiv mitmachen. Obwohl die Teilnehmer oft sehr unterschiedlich starke Schwierigkeiten beim Sprechen haben, gibt es viele Übungen, von denen alle Teilnehmer profitieren. Außerdem können gezielte Hilfestellungen für schwerer Betroffene eingesetzt werden (z.B. das Nachsprechen). Daher ist es für mich nicht wichtig, wie weit die Erkrankung beim Einzelnen fortgeschritten ist. Selbst diejenigen mit schwersten Beeinträchtigungen des Sprechens können meistens unter Anleitung einzelne Worte oder Sätze laut und verständlich sprechen. Darüber sind die anderen Teilnehmer dann erstaunt und freuen sich ganz offensichtlich mit. Diese positiven Rückmeldungen tun den Menschen mit schweren Sprechstörungen sehr gut und stärken ihr Selbstvertrauen.

Besonders freue ich mich, wenn ich erlebe, dass die Anregungen aus der Gruppentherapie auch im Alltag umgesetzt werden. So erzählte mir zum Beispiel eine Frau, dass sie mit ihrem Mann immer „die Übung mit dem Ball“ (entspricht dem Übungsvorschlag 2) durchführt, wenn sie ihn nicht versteht. Danach könne sie ihn dann wieder viel besser verstehen. Mein schönstes Erlebnis hatte ich bei einem längeren Seminar des Club U40. Dort war ich drei Tage anwesend. Erst führte ich eine Informations- und Fragestunde durch, dann jeden Tag eine Gruppentherapie zur Stimmkräftigung. Daran nahm auch eine Frau teil, die mir dadurch aufgefallen war, dass alle Seminarteilnehmer im Gespräch mit ihrem Ohr ganz nah an den Mund der Frau herangingen und doch oft nicht verstanden, was sie sagen wollte. Nach der dritten Einheit mit Stimmkräftigung ging sie dann ca. 2 Meter vor mir aus dem Raum. Dabei sprach sie zu einer anderen Teilnehmerin und ich konnte von hinten und trotz des Abstands jedes Wort verstehen. Das hat mich ungeheuerlich gefreut.

Es hat sich gezeigt, dass die Teilnehmer der logopädischen Seminare sehr motiviert üben, dass sie lernen ihr Sprechen besser einzuschätzen und sich in der Kommunikation gegenseitig zu unterstützen. Der Vorteil der Gruppe liegt dabei in der natürlichen Gesprächssituation, so dass das Geübte direkt übertragen werden kann. Auch die Angehörigen greifen Anregungen gerne auf und sind bei der Umsetzung von Anregungen sehr hilfreich. Mir macht die Gruppenarbeit auch deshalb so viel Spaß, weil ich die Teilnehmer durchweg als sehr fröhlich, interessiert, informiert und hilfsbereit erlebe.

Es gibt einige Übungen, die die Regionalgruppen sehr gut im Rahmen der regelmäßigen Treffen durchführen können. Dafür möchte ich zum Abschluss noch einige Anregungen mitgeben:

  1. Nehmen Sie eine lange Schnur (z.B. eine Wäscheleine) und setzen sich als Gruppe im Stuhlkreis zusammen. Jeder fasst mit beiden Händen die Schnur. Beim Einatmen heben Sie gemeinsam die Hände nach oben (heben also die Schnur Richtung Decke) und beim Senken der Arme machen Sie gemeinsam ein langes lautes „Aaaaaaaa“. Wiederholen Sie die Übung 6 bis 10 mal, aber machen Sie nach jedem „A“ eine Pause.
  2. Blasen Sie einen Luftballon auf (oder auch bis zu drei Luftballons, je nach Gruppengröße) und werfen Sie sich den Luftballon gegenseitig mit einem lauten „Ho“ zu.
  3. Bereiten Sie Wortkarten mit Oberbegriffen (z.B. Haustiere, Bäume, Berufe, Kleidungsstücke …) vor. Jeder zieht eine Karte und muss dann laut mehrere Unterbegriffe (z.B. 5 Haustiere) nennen. Die Gruppenteilnehmer geben Rückmeldung darüber, ob sie alles verstanden haben.
  4. Bereiten Sie Wortkarten mit Worten vor, die gut in eine Geschichte passen könnten. Der erste zieht eine Karte und beginnt damit die Geschichte. Der nächste zieht eine Wortkarte und bildet mit dem Wort einen Satz, der die Geschichte fortsetzt, und so weiter. Die Gruppenteilnehmer teilen sich gegenseitig mit, wenn sie den Satz nicht verstanden haben.

Literatur

  • De Angelis, E. C., Mourao, L. F., Ferraz, H. B., Behlau, M. S., Pontes, P. A. L., Andrade, L. A. F. (1997) Effect of voice rehabilitation on oral communication of Parkinson’s disease patients. Acta Neurologica Scandinavica 96, pp. 199-205
  • Robertson, S. J., Thompson, F. (1984) Speech therapy in Parkinson’s disease: a study of the efficacy and long term effects of intensive treatment. Journal of Disorders of Communication 19, pp. 213-224
  • Sullivan, M. D., Brune, P. J., Beukelmann, D. R. (1996) Maintenance of speech changes following group treatment for hypokinetic dysarthria of Parkinson’s disease. In: Robin, D. A., Yorkston, K. M., Beukelman, D. R. (eds.) Disorders of Motor Speech. Baltimore, London, Toronto, Sydney: Paul H. Brookes Publishing Company, pp. 287- 307

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